Reisebericht 2009


Zwei Wochen Kinshasa und Unterer Kongo...

Lippetal, im September 2009


Im August war ich für 2 Wochen im Kongo und habe das Frauenprojekt „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Dorf Kilueka besucht. Man kann ja auf Dauer nicht Etwas unterstützen, was man selbst nie gesehen hat und nur über Internet und Telefon kennt. Deshalb bin ich, natürlich auf eigene Kosten, hingeflogen und habe die Frauen im Dorf besucht. Auch das Gesundheitszentrum in Kinshasa habe ich nun näher kennen gelernt.

Sicherheitshalber hatte ich mein Ticket im Reisebüro gekauft und nicht im Internet. Ich dachte mir, man weiss ja nie, was noch kommt und wenn nötig kann ich dann im Reisebüro nachfragen. So war es dann auch. Mein Sohn Arthur hatte mir für das Gesundheitszentrum eine Solaranlage für Licht selbst gebastelt. Er hatte ein Solarpanel gekauft und dazu auf eine Holzplatte Steckdosen, Schalter, Laderegler etc. montiert, und zwar so, dass ich das verstehe und dann in Kinshasa installieren kann. D.h. es war nur halb fertig und überall guckten Kabel raus … Das Reisebüro meldete diese Solaranlage bei der Brussels Airlines an. Wir hatten bedenken, dass man mich mit solch komischem Gepäck nicht mitfliegen lässt. Ausserdem nahm ich noch Operationsbesteck, eine Sterilisierbox, Dynamo-Taschenlampen, LED-Stirnlampen und für mich ein paar Kleider mit. Wenige Tage vor meiner Reise bekam ich noch eine Motorsäge, ebenfalls zum Mitnehmen. Jetzt ging der Koffer nicht mehr zu, weil die Säge zu gross und zu schwer war. Also musste ich einen grösseren Koffer nehmen und alles noch einmal neu packen.

Am 31. Juli fuhr ich also mit dem Zug nachts nach Frankfurt zum Flughafen. Von dort ging es dann nach Brüssel und eine Stunde später nach Kinshasa. Der Flug sollte 9½ Stunden dauern. Wir hatten eigentlich nur einen Zwischenstop in Yaoundé in Kamerun. Da dieser Flughafen aber wegen zu starkem Regen geschlossen war, ging es weiter nach Douala. Hier warteten wir ungefähr eine Stunde, bis die Nachricht kam, dass der Flughafen wieder geöffnet war. Nun flogen wir also erst nach Yaoundé zurück und danach direkt nach Kinshasa. Während der ganzen Zeit blieben die Fluggäste ruhig und sehr gelassen. Es entstand überhaupt keine Hektik, aber es waren auch kaum Weisse an Bord!

Als wir dann endlich in Kinshasa landeten, warteten Augustin K. und Naniz mit Jeep schon seit 3 Stunden auf mich. Da Augustin wusste, was ich alles im Gepäck habe, hatte er jemanden organisiert, der dann mit einem grossen Schild mit meinem Namen am Ausgang stand. Dieser Mann lotste mich aus dem Gewühle und suchte für mich die Koffer. Ein Koffer war da und den Zweiten konnten wir drei Tage später bei der Brussels Airlines abholen – er war in Brüssel hängen geblieben. Das Gepäck war komplett, es fehlte nichts!


Während meines Aufenthaltes in Kinshasa wohnte ich in einem bescheidenen kleinen Hotel in Bumbu, in einem armen Vorort der Hauptstadt. Hier in diesem Viertel wohnen auch Augustin K. und seine grosse Familie und hier steht auch sein kleines Gesundheitszentrum.

Den ersten Tag verbrachte ich im Gesundheitszentrum. Nachmittags gab es einen grossen Empfang und ein Essen mit allen Mitarbeitern. Die Schwestern und Pfleger, die beiden Ärzte, der Laborant und die Putzfrau kamen, um mich zu begrüssen. So ein Empfang ist schon beeindruckend! Am nächsten Tag fuhren Augustin K. und ich mit überfüllten Kleinbussen und Sammeltaxi in die Stadt um das Zentrum der Hauptstadt und einen grossen Kunstmarkt zu besichtigen. Gerne hätte ich den Verkehr in Kinshasa gefilmt!!! Für Touristen ist aber das Fotografieren und Filmen in ganz Kinshasa und auch in vielen anderen Gebieten der Demokratischen Republik Kongo verboten. Man kann eine Erlaubnis dafür kaufen, darf aber trotzdem strategisch wichtige Dinge nicht fotografieren, auch wenn sie nur zufällig im

Hintergrund sind. Ich wollte aber keine Geldstrafe oder Verhaftung riskieren und hatte deshalb auf das Fotografieren ganz verzichtet. Der Verkehr ist kaum zu beschreiben und wirkt ziemlich chaotisch, wenn man sich nicht auskennt. Die Menschen und oft sind es sehr viele Menschen, die auf Kleinbusse oder ein Taxi warten, geben mit der Hand bestimmte Zeichen. Auch die Bus- und Taxifahrer winken durch die offenen Fenster. Jeder fuchtelt Zeichen in die Luft und jeder weiss, was gemeint ist, nur ein Fremder steht ratlos da und versteht nichts! Autopannen sind keine Seltenheit, denn immer wieder wird ein Fahrzeug geschoben oder gar mitten auf der Strasse repariert. Natürlich wird auch viel gehupt, haarscharf überholt, manchmal fährt jemand im Dunkeln ohne Licht, immense Schlaglöcher müssen in grossem Bogen umfahren werden, es gibt auch häufig Stau, usw. … Allerdings gibt es auch ordentliche Strassen und manchmal sogar Ampeln und ruhig fliessender Verkehr. Die Strassen und das ganze Strassennetz werden jetzt von den Chinesen neu und gut ausgebaut.

Kilueka liegt 150 km südlich von Kinshasa. Um dahin zu fahren, benötigten wir einen Jeep, denn die Strassen und Lehmpisten sind in schlechtem Zustand. Auf dieser Strecke gibt es keinen Busverkehr. Es fahren einfache Autos, die aber häufig grosse Probleme mit den Schlaglöchern haben! Augustin K. fährt meistens auf einem total überladenen LKW nach Kilueka. Die Ladung dieser LKW’s ist hoch aufgetürmt und ganz oben drauf sitzen dann noch die Fahrgäste mir ihrem Gepäck! Es gibt keinen Schutz vor dem starken Fahrtwind, der Hitze, dem Lehmstaub oder Regen - das ist wirklich lebensgefährlich!


Man kann also nur mit einem Geländewagen sicher das Dorf erreichen. Glücklicherweise hat uns Monsieur Grégoire seinen Geländewagen für vier Tage ausgeliehen. Sein Freund Naniz war unser Chauffeur.

So fuhren wir nun in den Bas-Congo. Als wir in Richtung Kilueka von der grossen Strasse abbogen, ging es über staubige Lehmpisten weiter. Überall Staub! Alles war staubig, auch wir waren innert kürzester Zeit von Kopf bis Fuss staubig.


Je nach Lehm war die ganze Gegend rot oder gelb. Beeindruckend war vor allem der rote Lehm. Alles war rot, die Strasse, die Büsche, sogar die Bäume. Wie bei uns im Winter alles weiss ist, war da alles rot. In der Trockenzeit regnet es nicht, es ist meist bedeckt und nicht sehr warm. Der Staub gehört dann mit dazu.

Logieren durfte ich bei den kongolesischen katholischen Schwestern in Lemfu, einem grossen Dorf bei Kilueka. Im gleichen Dorf hat Naniz bei Freunden übernachtet und Augustin K. hat in Kilueka sein eigenes kleines Haus.

In Kilueka selbst besichtigten wir zuerst die Baustelle des Hauses. Die Maurer waren sehr fleissig und zuverlässig. Inzwischen sind aus den selbst gebrannten Ziegeln Hausmauern geworden. Jetzt fehlen noch die Dachlatten und das Wellblech. Hoffentlich kann das Dach noch vor der bald einsetzenden Regenzeit fertig gestellt werden. Das Haus ist 15m lang und 6m breit. Es gibt einen grossen Saal für Schulungen, Versammlungen etc. sowie 4 kleine Räume à 2,5m x 3m. Diese Räume sollen als Gästezimmer, Bureau, Lagerraum usw. genutzt werden. Wenn ich also das nächste Mal hinfahre, kann ich direkt in Kilueka übernachten. Türen und Fenster fehlen noch. Nach und nach wollen wir Metallfenster und Metalltüren kaufen. Wir müssen ca. 80 Euro pro Fenster mit Gitter und Läden und 120 Euro pro Tür rechnen.


Der Dorfvorsteher und einige Frauen begleiteten uns auch als wir den Garten besichtigten. Sie haben viel und hart geackert und sind nun sehr stolz auf ihre Arbeit.


Der Grenze entlang wachsen kleine Ölpalmen, die schon in ein bis zwei Jahren das erste Öl geben werden. Die Bananensetzlinge sind zu grossen Stauden geworden und gedeihen gut. Ein grosser Teil des Gartens ist urbar gemacht worden. Sobald die Regenzeit einsetzt, soll hier Maniok gepflanzt werden. Maniok ist das Grundnahrungsmittel der Bevölkerung. Die Wurzel wird erst gewässert, dann getrocknet, danach gestampft und schliesslich als Brei gekocht und gegessen.

Dazu werden die Blätter des Maniok als Gemüse zubereitet. Ich mochte beides sehr gerne. Die Frauen wollen so viel Maniok und Bananen anpflanzen, dass sie einen Teil davon verkaufen können. Das Geld fliesst dann in die Vereinskasse und mit diesem Geld können sie später andere Dinge für ihren Verein anschaffen. Es ist also Hilfe zur Selbsthilfe.

Es gab auch eine Versammlung dieses Vereins. Alle 20 Frauen und 5 Männer kamen um mich kennen zu lernen. Man kann sich nicht erinnern, dass vor mir schon mal eine Weisse in diesen Dörfern Halt gemacht oder gar mit ihnen gesprochen und gegessen hat. Fotos von meiner Familie und meinem Dorf Hultrop lockerten die etwas angespannte und ungewohnte Situation auf und das Eis war schnell gebrochen. Danach diskutierten wir über den Garten und die Zukunft des Hauses und des Vereins. Augustin K. ist dabei ein sehr zuverlässiger und hilfreicher Vermittler und Projektleiter. Er kennt die Menschen, die Sprache und die Mentalität seines Heimatdorfes und der umliegenden Dörfer.

Der Verein möchte nebst Maniok noch verschiedene Obstbäume pflanzen.


Wir wollen gute Obstbäume kaufen, die garantiert und möglichst bald Obst tragen werden. Im Bas-Congo gibt es in der Stadt Kisantu einen botanischen Garten, der auch Bäume aus seiner Baumschule verkauft, z.B. Mandarinen, Orangen, Avocados, Mangos, etc. Ein Obstbaum kostet dort je nach Art und Qualität 2 - 15 Euro.

Ausserdem brauchen die Frauen noch Hacken, Spaten, Rechen, Gummistiefel und für den Sekretär einen Ordner und Papier. Sie fragten auch nach einem oder mehreren Fahrrädern, die sie als Transportmittel einsetzen möchten. Alle in dieser Gegend gehen zu Fuss und transportieren die Sachen auf dem Kopf. Fahrräder sind selten und wenn man eins sieht, so wird es meistens voll beladen gestossen. Fahrräder können im Kongo gekauft werden und kosten pro Stück ca.120 Euro.


An einem Tag hatten Augustin K., Naniz (Chauffeur) und Laurent (Sekretär) mit mir alle Mitglieder des Vereins zu Hause in ihren Dörfern besucht! Die meisten der 20 Frauen und 5 Männer waren zu Hause und freuten sich sehr. Doch einige konnten es nicht fassen, dass ich bis in ihr Dorf, bis zu ihnen nach Hause kam, um zu sehen wo sie wohnen. Jetzt habe ich eine Vorstellung, wo die 10 Dörfer liegen, aus denen die Vereinsmitglieder kommen und wie weit die Wege zu Fuss sein können!

Auf dem Weg zurück nach Kinshasa fuhren wir wieder über die staubigen Lehmpisten. Unterwegs besuchten wir kurz den botanischen Garten in Kisantu. Ich habe also die Obstbäume gesehen, die wir gerne kaufen möchten.

Zurück in Kinshasa bezog ich wieder mein Zimmer in dem kleinen Hotel in Bumbu. Jeden Morgen wurde ich abgeholt und wir gingen zu Fuss zum Gesundheitszentrum. Hier diskutierten wir die geplanten Projekte für Kilueka. Nun mussten wir uns auch noch um die Installation der Solaranlage kümmern. Mr. Konda bestellte seinen Techniker, ein zuverlässiger Mann, der viel von Technik versteht. Aber …. Wie befestigt man das Solarpanel auf dem Wellblechdach und dann auch noch so, dass es nicht geklaut wird? Wie und wo werden die Lampen (LED’s) angeschraubt? Wo kommen die Lichtschalter hin, damit nicht jeder damit herumspielt?


Wer darf das Licht ein- und ausschalten? Wer ist verantwortlich dafür? Wo wird das von Arthur selbst gebastelte Holzbrett mit Steckdosen, Laderegler etc. montiert? Es gab noch viel mehr Fragen.


Jedenfalls ging der Techniker dann irgendwo zum Markt und kaufte als erstes eine Metallleiste. Dann musste er zum Spezialisten, dem Schweisser. Der bog und schweisste ihm ein Gestell für das Solarpanel. Nun brauchte der Techniker Farbe für dieses Gestell, zum Schutz vor der Witterung. Auf irgendeinem Markt findet man einen Spezialisten, der die passende Farbe und den Pinsel dazu verkauft. Jetzt fehlten noch die Löcher für die Schrauben. Auch dafür gibt es einen Spezialisten, jemand mit Bohrmaschine. Er kam sogar ins Gesundheitszentrum, weil noch mehr Löcher gebohrt werden

sollten. Augustin K., der Techniker, der Spezialist, ein Helfer und ein Pfleger überlegten nun gemeinsam, wo denn nun Arthurs Holzplatte montiert und wie die Kabel zu den Lampen verlegt werden sollen. Leider fiel jetzt mal wieder der Strom aus. Jemand holte ein kleines Notstromaggregat für die Bohrmaschine, aber es funktionierte nicht. Nun versuchten sie gemeinsam das Notstromaggregat zu reparieren. Da es inzwischen Abend geworden war, konnten sie im Dunkeln nichts sehen. Jemand holte Taschenlampen und leuchtete, damit der Techniker, der Spezialist und die Anderen besser sehen konnten. Es war zu mühsam, sie gaben auf und verabredeten sich für den nächsten Tag.


Sie hatten Glück, am nächsten Tag gab es wieder Strom und sie konnten alle Löcher bohren. Jetzt mussten wir noch eine Autobatterie kaufen, denn das Solarpanel lädt tagsüber die Autobatterie auf, die dann nachts den Strom an die Lampen abgibt. Um eine gute Batterie zu bekommen fuhren wir 1½ Stunden mit überfüllten Kleinbussen und 2 x umsteigen ins Zentrum und später den gleichen Weg wieder zurück. Am nächsten Tag merkten wir, dass das Kabel nicht reicht und dass auch noch kleine Schrauben und die Lichtschalter fehlten. Dies alles gibt es nur im Zentrum von Kinshasa. Kaum zu glauben, aber nach 5 Tagen Arbeit brannte Freitagabend um 20 Uhr die erste Lampe der Solaranlage! Gegen 22 Uhr waren alle 6 LED’s angeschlossen und leuchteten! Wir waren begeistert und überascht, wie hell diese LED’s doch sind. Das Licht ist sehr wichtig, da viele Kinder nachts zur Welt kommen.

Das Gesundheitszentrum hat seinen eigenen grossen Garten 40 km ausserhalb von Kinshasa, in Mingadi. Hier wächst u.a. auch Artemisia, dessen Tee bei Malaria hilft und in der kleinen Apotheke des Gesundheitszentrums verkauft wird. Wir wollten einen Tag hinfahren um dort zu arbeiten und die Säge auszuprobieren. Das Auto, das uns zur Verfügung stand, wurde schon mehrfach von einem Spezialisten repariert, lief aber trotzdem noch immer nicht.

Audry D., der Sohn von Augustin K. hatte im Juli an einer Fortbildung von LHL zur Herstellung von Lorena-Lehmöfen in Bukavu teilgenommen. Diese Lehmöfen verbrauchen nur wenig Holz und die Rauchentwicklung ist sehr gering.


Die Frauen und ihre Kinder müssten dann nicht mehr stundenlang in der verrauchten „Küche“, in einer meist fensterlosen Hütte, ihr Essen zubereiten. Der Lorenaofen könnte eine grosse Erleichterung für die Frauen sein. Wir wollen nun auch ein Projekt mit der Herstellung solcher Lorena-Lehmöfen starten und im Bas-Congo gibt es ja wirklich genug Lehm dafür.

Augustin K. fährt regelmässig nach Kilueka und kümmert sich sehr zuverlässig um die Projekte. Wenn es Neuigkeiten gibt erfahre ich das ziemlich schnell über’s Internet, d.h. ich bin immer gut informiert. Wir hoffen nun, dass wir für das Haus bald auch noch Fenster und Türen kaufen können. Ganz wichtig sind natürlich die Obstbäume und das Gartenwerkzeug für die Frauen.

Vielen, vielen Dank für die bisher geleistete Unterstützung und die Weitergabe von wichtigen Informationen! Ganz herzliche Grüsse von den Frauen und Männern und ihren Familien aus dem Verein in Kilueka, vom gesamten Personal des Gesundheitszentrums, besonders von Augustin K. und seinem Sohn Audry D. und natürlich auch von mir

Irène Freimark-Zeuch