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Kongoreise 08/III



Donnerstag, 7. August 2008

Heute sind wir schon früh aufgestanden. Wir versorgen uns auf einem der vielen Märkte mit etwas Brot und Mineralwasser und fahren dann nach Mushenyi, um dort unsere Partnerorganisationen CDEP und APAD zu besuchen, die eine Aufforstung vorbereiten. Mushenyi liegt rund 800 Meter höher als Bukavu (1.400 Meter hoch), also geht’s erstmal bergauf. Wir erreichen die Höhenviertel der Provinzhauptstadt und eine Straßensperre: „Pageal Route“. Hier muß eine Maut entrichtet werden für die Benutzung nächsten 10 km Straße, die dafür aber einigermaßen gut instand gesetzt ist. Im Gegensatz zu anderen „wilden“ Sperren, etwa sogar von unterbezahlten Polizisten, die dort ihr Gehalt aufbessern versuchen, zahlen die kongolesischen Freunde die 3 Dollar gerne. Dies Geld fließe wirklich in den Straßenbau. Man bekomme eine offizielle Quittung und die Bauarbeiter würden ordentlich entlohnt. Die Einrichtung der „Pageal Route“ sei tatsächlich eine echte Errungenschaft der neuen Regierung. Die Straße ist weder gepflastert noch geteert, aber wir kommen trotzdem jetzt zügig voran. Unten im Tal liegt ein schöner Sekundärwald im Besitz der „Pharmakina“, außerdem finden sich weit und breit Chininplantagen. Pharmakina ist eine der wenigen wirklich erfolgreichen Firmen im Kivu, die während der gesamten Kriegszeit mehr oder weniger unbehelligt produzieren konnten. Die jetzige Firma entstand aus einem „Management-Buyout“, d.h. die damaligen Geschäftsführer kauften die Pharmafirma den Erben eines Konzerns in Darmstadt ab, als diese Pharmakina dicht machen wollten... Das Werk ist heute noch unter deutscher Leitung und produziert für ganz Afrika Medikamente gegen Tropenkrankheiten.

Jetzt teilt sich der Weg. Links geht’s weiter nach Uvira, rechts nach Kaziba und Mushenyi. Wir kommen in eine weite, fruchtbare Talaue, durch welche der Rusiz fließt, der größte Nebenfluß des Rusizi, der den Kivusee Richtung Tanganjikasee verläßt. Der „Rusiz“ entspringt in der Gegend von Kaziba. Dort ist auch die Wasserscheide zwischen Atlantischem und Indischem Ozean. Die Wasser aus den benachbarten Chefferies von Luhwindja und Burhinyi fließen schon Richtung Kongobecken und speisen die Nebenflüsse des Kongoflusses.

So schön und lieblich die Rusiz-Talaue auch anzuschauen ist, die „Schönheitsfehler“ sind die unzähligen kleinen Feuerchen auf den Feldern, die überall qualmen. Auch hier praktizieren viele Bauern immer noch das unsinnige Verbrennen des Kompostes. Und ich hörte, daß man danach manchmal sogar erst die Asche davon auf den Märkten als Dünger verkaufe...

Am Ende der Talaue steigt die Straße steil an und windet sich in Serpentinen einige hundert Meter höher. Wir blicken aus dem Auto, neben uns fällt der Abhang steil ab, tief unten das Tal mit dem Rusiz-Fluß. Bis auf Restbestände in den Nebentälern sind fast alle Steilhänge kahl und abgeholzt. Am Straßenrand stehen noch einige Bäume, aber auch hier findet sich immer wieder ein abgeholzter Baumstumpf. Der Holzbedarf der Bevölkerung ist enorm und für fast alle Haushalte ist Holz die einzige Energiequelle. Die Straße windet sich kilometerweit langsam immer höher. Wir sehen das Tal in immer neuen Variationen. Immer wieder mal taucht unten auf einer Anhöhe ein Gehöft auf, strohbedeckte Rundhütten, umgeben von Bananenhainen. Endlich erreichen wir Mushenyi, auf einer Hochebene gelegen, die Landschaft liegt jetzt über 2.000 Meter hoch, die umliegenden Berge dürften schon 3.000 Meter hoch sein.

Buschbrände - eine der Unsitten im Bashiland. Auf dem Weg nach Mushenyi sehen wir diesen von Menschen gelegten Brand an einem der kahlen Hänge...

Wir biegen vom Hauptweg ab, der weiter nach Kaziba und Luhwindja führt und nehmen einen einfachen Feldweg. Jetzt werden wir wieder, wie schon in der vorigen Woche, hinter jedem Bananenhain von fröhlich jubelnden Kindern begrüßt, die hier leben und aufwachsen und für die ein Jeep nicht gerade alltäglich ist. Sie winken, rufen „Yambo sana“ und wollen schneller sein als der Jeep, was ihnen bei der kurvenreiche Strecke manchmal auch durchaus gelingt. Wir erreichen die Kuppe eines weiteren Hügels und haben hier einen prächtigen Blick in ein neues, weites Tal, umrahmt von den 3.000-Meter hohen Bergen.

Und die Hänge dieser Berge sollen in den nächsten vier Jahren mit Pinus, Grevillea und anderen Bäumen bepflanzt werden. Mindestens eine halbe Million neue Bäume sind für diese Landschaft geplant...

Natürlich soll jeder in Mushenyi sehen, daß hier von LHL in Deutschland aus ein Projekt zur Aufforstung unterstützt wird.

Als wir nach einem weiteren Kilometer durch Bananenhaine und Maniokfelder bei der ersten Baumschule ankommen, werden wir wieder von einer fröhlichen Kinderschar begrüßt und zwar mit „Guten Tag“ - so wie sie dies vorige Woche von mir gelernt hatten...

Die Kinder von Mushenyi haben ihren Spaß mit den beiden "Muzungus", hier neben der Baumschule, im Hintergrund das Zentrum der Partnerorganisationen CDEP und APAD, in dem auch die ehemaligen Kindersoldaten schreinern und backen. Rechts hinten beginnt das lange Tal, welches bis hinauf auf die Bergkuppen aufgeforstet werden soll.

Dies ist das Tal, welches schon in der ersten Kampagne im Dezember 2008 bis Februar 2009 aufgeforstet werden soll. Wahrscheinlich benötigt man mehrere Kampagnen so groß ist dies...  Und natürlich, die Kinder wollen auch aufs Photo. Ist ja ihr gutes Recht!


Was ist denn hier geschehen! Das ist ein typischer Erosionsschaden in den Bergen Südkivus. Mitten in unserem Aufforstungsgebiet. Unsere Projektpartner werden dies mit Bambus stabilisieren und vielleicht auch ein paar Eukalyptusbäume pflanzen - hier darf man das, soll's sogar, wenn nämlich zuviel Wasser im Boden ist...


Die Baumschulgärtner hatten die ersten Beete in der letzten Woche eingesät. Die Saat liegt jetzt durch Stroh geschützt in der Erde und wird täglich dreimal begossen. Nebenan gluckert munter ein klares Bächlein, für das aus dem größeren Bach etwas weiter oben eine Ableitung gegraben worden ist. So haben die Baumschulgärtner direkt neben der Baumschule immer frisches Wasser.

Doch wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren. In dem langgestreckten Gebäude der Partnerorganisation CDEP, warten schon rund 40-50 Delegierte von Bauern, Baumschulgärtner und die Honoratioren, also der „Chef de Groupement“, als Vertreter des Mwamis (des Königs), der Pfarrer u.a. auf uns.

Auf dem Photo: Andreas, Emmanuel und der Autor.

Wir stellen uns vor und dann beginne ich ausführlich das neue Projekt zu erklären, die Vorteile für die teilnehmenden rund 2.000 Bauern, deren Delegierte hier sitzen. Jede dieser Bauernfamilie soll mindestens einen holzsparenden Lorena-Ofen bekommen, dann Obstbäume und eine Ausbildung in Agroforstwirtschaft. Aber auch wir haben Erwartungen, nämlich, regelmäßige freiwillige, unbezahlte Mitarbeit der einzelnen Bauern, im Durchschnitt ein bis fünf Tage im Monat, was sorgfältig dokumentiert werden muß, als „lokale Eigenbeteiligung“. Immerhin werden auf diese Weise 15 % der Gesamtkosten des Projekts erbracht und dadurch erhöht sich unser öffentlicher Zuschuß erheblich. ...

Die Bauern von Mushenyi hören aufmerksam dem Muzungu zu...

Anschließend fragen wir die verschiedenen anwesenden Gruppenvertreter, ob sie bereit sind, mit ihren Nachbarn unter diesen Konditionen beim Projekt mitzuwirken und unsere Partnerorganisationen CDEP und APAD zu unterstützen. Alle sind damit einverstanden. Wir bitten sie, dies auch schriftlich festzulegen und machen eine kurze Pause, während dieser wir die anderen Räume des Gebäudes besichtigen und das Außengelände. Hier nehmen uns wieder die vielen Kinder in Beschlag. Während dieser Pause beraten die Gruppen und liefern anschließend schriftliche Verpflichtungserklärungen für diesen lokalen Eigenbeitrag ab. Und hier in Mushenyi ist dann noch etwas besonders schön: Während sämtlicher Beratungen schauen unzählige Kinder und Jugendliche durch die Fensteröffnungen rein, die, wie so häufig bei ähnlichen Gebäuden im Kongo, keinerlei Fensterrahmen haben. Und all diese Kinder und Jugendlichen nehmen wir als Zeugen für diese Versprechungen...

Eines der Fenster, durch welches die Kinder den Verhandlungen der Erwachsenen in Mushenyi aufmerksam folgen...

Denn alles, was wir vorhaben, wird erst wirklich wirksam der nächsten Generation zur Verfügung stehen – und das sind all diese Kinder...




Nirgendwo haben uns die Kinder mehr Spaß gemacht als in Mushenyi. Müssen wir hier nicht bald den zweiten Waldkindergarten gründen? In der Pause vom langen "Palaver" der Erwachsenen versammeln sie sich auf den frischgebrannten Ziegelsteinen zum Gruppenphoto.



Kinder von Mushenyi - beim Barte des Mzungus

Am Abend fahren wir ein paar Kilometer ins benachbarte Kaziba, wo wir in einer Pension übernachten. Dort bleibt noch Zeit für einen kleinen Spaziergang durch das Viertel, erst über einen Fußballplatz, an einer Schule vorbei und dann durch Bananenhaine, in denen überall Hütten der Bewohner stehen. Während des gesamten Spazierganges werden wir von einer fröhlichen Kinderschar begleitet, für die wir eine angenehme Abwechslung sind. Mzungus sieht man auch in Kaziba nicht alle Tage!
Nach Einbruch der Dunkelheit funktioniert der Generator nicht, sodaß wir bei Kerzenlicht sitzen müssen, aber im Haus gibt's einen offenen Kamin, der eine eigentümliche Stimmung verbreitet. Wir sitzen noch lange zusammen und besprechen die geplanten Projekte. Solche Gespräche sind per Internet nicht möglich und geben der Reise in den Kongo den wirklichen Sinn. Kaziba, über 2000 Meter hoch, ist heute ausgesprochen kalt. Ich muß meinen Pullover und auch noch den Anorack anziehen. Und bin froh über das Kaminfeuer. Afrika ist nicht immer heiß und schwül...

Fortsetzung: Kongoreise IV